RUHESTANDSPLANUNG

Entnahmestrategien – wie Sie Ihr Vermögen in Einkommen umwandeln

Markus Neumann Neumann Honorarberatung

Von Markus Neumann, Honorarberater
Seit 20 Jahren befasse ich mich intensiv mit dem Thema Geldanlage. Einer meiner Beratungsschwerpunkte ist die Strukturierung und Optimierung von Anlageportfolios.

In diesem Ratgeber erkläre ich Ihnen die Vor- und Nachteilen von verschiedenen Entnahmestrategien aus Ihrem Vermögen für den Ruhestand.

Entnahmestrategien sind Regeln, nach denen Sie sich im Ruhestand regelmäßig Geld aus Ihrem Vermögen auszahlen. Keine Strategie ist perfekt. Welche Konzepte das Pleiterisiko senken und welche die höchsten Auszahlungen ermöglichen, zeigt diese Analyse auf Basis von Monte-Carlo-Simulationen.

Wer sich als zusätzliche Altersvorsorge ein Vermögen aufgebaut hat, will die Früchte seiner Bemühungen irgendwann ernten. Dann stellt sich die Frage, wie ein Geldstrom aus regelmäßigen Auszahlungen erzeugt werden kann, der bis ans Lebensende reicht. Dafür gibt es verschiedene Entnahmestrategien – doch alle haben Vor- und Nachteile.

Die richtige Entnahmestrategie zu wählen, ist nicht trivial. Schließlich geht es darum, eine möglichst genaue Punktlandung hinzulegen. Gehen Sie zu konservativ vor und entnehmen monatlich oder jährlich Beträge, die unter Ihren Möglichkeiten bleiben, können Sie zwar ziemlich sicher sein, dass das Geld bis zum Lebensende reicht. Doch Sie müssen den Gürtel enger schnallen und sich in Konsumverzicht üben. Bleibt am Ende noch ein großes Vermögen übrig, freuen sich Ihre Erben.

Gönnen Sie sich dagegen eine zu üppige Rente aus ihrem Vermögen, laufen Sie Gefahr, dass Ihr Kapital nicht reicht und Sie in Ihren letzten Lebensjahren ausschließlich von den Zahlungen aus anderen Quellen wie der gesetzlichen Rente leben müssen. Das muss kein Beinbruch sein. Aber die meisten Menschen dürften sich wohler fühlen, wenn Sie zusätzlich auf verlässliche Entnahmestrategien bauen können.

Die wichtigsten Entnahmestrategien im Überblick

Entnahmestrategien lassen sich grob in drei Gruppen einteilen: Bei konstanten Entnahmen zahlen Sie sich einen festen Betrag aus, der regelmäßig an die Inflation angepasst werden kann. Bei variablen Entnahmen richten sich die Auszahlungen dagegen nach dem jeweils vorhandenen Vermögen und der Entwicklung an den Kapitalmärkten.

Falls Sie Ihr Vermögen möglichst vollständig verbrauchen möchten, können Sie die Auszahlungen außerdem an der verbleibenden Lebenserwartung oder an der Restlaufzeit des Entnahmeplanes ausrichten. Welche Entnahmestrategie für Sie am besten geeignet ist, hängt davon ab, wie wichtig Ihnen gleichmäßige Auszahlungen sind, welches Risiko Sie eingehen wollen und ob Sie Vermögen vererben möchten.

Entnahmestrategien: Die größten Risiken

Das Pleiterisiko

Bei Entnahmestrategien mit einer Mischung aus Aktien-ETFs und Anleihen-ETFs besteht das Risiko pleitezugehen, bevor die geplante Auszahlungsphase endet. Ursache dafür können beispielsweise eine ungünstige Entwicklung an den Kapitalmärkten, zu hoch bemessene Entnahmen und ein längeres Leben als erwartet sein. Letzteres wird aus der Perspektive der Versicherungsbranche „Langlebigkeitsrisiko“ genannt.

Das Lebensstandardrisiko

Unter dem „Lebensstandardrisiko“ verstehen Finanzmarktforscher schwankende Auszahlungsbeträge. Abhängig davon, welche Entnahmestrategie ein Anleger wählt, kann er immer nur entweder das Pleiterisiko oder das Lebensstandardrisiko ausschalten.

Das Pleiterisiko besteht bei Auszahlungsstrategien, bei denen regelmäßig ein fixer Betrag aus dem Portfolio entnommen wird. Wenn dagegen die Auszahlungen variabel an die Marktentwicklung angepasst werden, gibt es zwar kein Pleiterisiko. Dafür schwankt aber die Höhe der Entnahmen – und damit der mögliche Konsum.

Das Inflationsrisiko

Woran viele bei der Planung ihrer Altersvorsorge nicht denken, ist die Inflation. 1.000 Euro heute haben in 25 Jahren nicht dieselbe Kaufkraft. Bei einer Inflationsrate von jährlich 2 Prozent ist dieser Betrag in einem Vierteljahrhundert real nur noch 610 Euro wert. Wer seinen Lebensstandard halten will, muss die Teuerungsrate bei der Kalkulation von Entnahmestrategien berücksichtigen.

Die nominale Höhe der monatlichen Entnahmen sollte im Lauf der Zeit mit der Inflation ansteigen, sodass jede Auszahlung dem realen Wert der ersten Entnahme entspricht.

Das Renditereihenfolgerisiko

Eine weitere Gefahr ist das sogenannte Renditereihenfolgerisiko, auch „sequence of returns risk“ genannt. Es beschreibt die Gefahr, dass eine ungünstige Abfolge der Monats- oder Jahresrenditen zu schlechteren Anlageergebnissen führen kann als erwartet.

Diesem Risiko sind alle Entnahmestrategien ausgesetzt, die mit riskanten Wertpapieren wie Aktien-ETFs umgesetzt werden. Bei einem ETF-Entnahmeplan ist das Renditereihenfolgerisiko am Anfang der Auszahlungsphase am höchsten, weil dann das Anlagekapital am größten ist. In dieser Zeit kann ein Börsencrash dazu führen, dass das Geld nicht bis zum Ende der geplanten Auszahlphase reicht. Alle Details zum Renditereihenfolgerisiko lesen Sie hier.

Monte-Carlo-Simulationen für die Planung von Entnahmestrategien

Welches Ausmaß diese Risiken bei einer bestimmten Mischung eines Portfolios haben, lässt sich mit Simulationen ermitteln, die Kursschwankungen an den Wertpapiermärkten mit ins Kalkül ziehen. Eine Methode ist die Monte-Carlo-Simulation. Bei diesem Verfahren werden von einer Software in Zufallsexperimenten Kursverläufe für einen vorgegebenen Zeitraum simuliert. Mit 10.000 Simulationsläufen lassen sich die Wahrscheinlichkeitsverteilungen in der Regel stabil schätzen.

Die simulierten Kursverläufe ordnet die Software vom besten bis zum schlechtesten Fall und teilt dieses Ranking in gleich große Gruppen, sogenannte Perzentile, ein. Perzentile sind Schwellenwerte. Zwischen zwei benachbarten Perzentilen liegen jeweils 1 Prozent der simulierten Ergebnisse. An den Perzentilen lassen sich die Wahrscheinlichkeiten ablesen, mit denen bestimmte Renditen und Vermögensverläufe wenigstens erzielt werden.

Das 50. Perzentil, der sogenannte Median, teilt die Ergebnisse in zwei Hälften. 50 Prozent der Fälle lagen unter und 50 Prozent der Fälle über diesem Wert. Wie Monte-Carlo-Simulationen genau funktionieren

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Entnahmestrategien im Vergleich: Die Annahmen

In der folgenden Analyse untersuche ich verschiedene Entnahmestrategien mit Monte-Carlo-Simulationen. Dafür verwende ich ein Portfolio, das zu 70 Prozent aus einem ETF auf den MSCI-World-Index besteht und zu 30 Prozent aus einen Anleihen-ETF mit deutschen und ab 1998 europäischen Staatsanleihen mit mittlerer Laufzeit.

Diese Portfoliomischung für einen ETF-Entnahmeplan lehnt sich an die Forschung von William Bengen zur sogenannten 4-Prozent-Regel an. Auf Basis von historischen Kapitalmarktdaten hatte Bengen Anfang der 1990er-Jahre gezeigt, dass Anleger wenigstens 30 Jahre lang inflationsbereinigt 4 Prozent ihres Anfangskapitals aus einem Portfolio entnehmen können, wenn der Aktienanteil zwischen 50 und 75 Prozent liegt. Andere Portfolio-Mischungen schnitten in der Untersuchung schlechter ab.

Die Monte-Carlo-Simulationen führe ich auf Basis von historischen Daten durch. Für den MSCI World reichen sie bis 1970 zurück. Für den Anleihen-ETF verwende ich Daten, die bis 1996. Den Zeitraum von 1970 bis 1995 blende ich bewusst aus, weil in dieser Periode die durchschnittliche Rendite eines gemischten Anleiheportfolios sehr hoch war. Sie betrug mehr als 7 Prozent pro Jahr. Gemessen am heutigen Zinsniveau ist in den nächsten Jahrzehnten eine durchschnittliche Rendite von etwa 3,5 Prozent zu erwarten. Diese Erwartung reflektiert die Zeitreihe von 1996 bis heute.

Die nach unten korrigierte Anleihen-Rendite führt in den Monte-Carlo-Simulationen zu deutlich niedrigeren Vermögen am Ende des jeweiligen Auszahlungszeitraumes und zu einer Erhöhung des Pleiterisikos um einige Prozentpunkte. Meiner Ansicht nach ist diese Herangehensweise realistischer als die Verwendung der historischen Anleihen-Renditen seit 1970, die zu optimistischeren Simulations-Ergebnissen führen.   

Bei der Inflationsentwicklung gehe ich von 2 Prozent pro Jahr und einer Schwankungsbreite von 2 Prozent aus. Das Startkapital beträgt bei allen Berechnungen 500.000 Euro, der Simulationszeitraum 30 Jahre. Bei einem Renteneintritt mit 67 Jahren deckt der Simulationszeitraum ein Lebensalter bis 97 Jahre ab.

Für die ETF-Kosten habe ich vor 2009 Durchschnittswerte seit Auflage der Fonds zugrunde gelegt. Kapitalertragssteuern und Handelskosten habe ich bei diesen Simulationen nicht berücksichtigt.

Entnahmestrategie 1: Konstante Auszahlungen   

Als erstes simuliere ich eine Entnahmestrategie, bei der jährlich ein konstanter Betrag aus dem Portfolio entnommen wird. Angelehnt an die 4-Prozent-Regel starte ich mit einem Betrag von 20.000 Euro jährlich. Das entspricht 4 Prozent des Anfangskapitals von 500.000 Euro. Pro Monat beträgt die Entnahme demnach im ersten Jahr gerundet 1667 Euro. Die nominale Auszahlung wird in den Folgejahren jeweils um die simulierte Inflationsrate nach oben angepasst. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Kapital nicht bis zum Ende der Entnahmephase reicht, beträgt 15 Prozent. Demnach ist die 4-Prozent-Regel nicht sicher wie in den historischen Daten von Bengen.  Die folgende Tabelle zeigt die reale Entwicklung des Portfolios für verschiedene Perzentile.

wdt_ID wdt_created_by wdt_created_at wdt_last_edited_by wdt_last_edited_at Jahr 1. Perzentil 5. Perzentil 10. Perzentil 25. Perzentil 50. Perzentil 75. Perzentil
1 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 1 352,502 € 373,119 € 399,646 € 462,719 € 512,461 € 554,614 €
2 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 2 295,027 € 348,143 € 380,800 € 445,282 € 519,044 € 587,269 €
3 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 3 257,362 € 320,196 € 357,466 € 430,363 € 520,180 € 614,697 €
4 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 4 231,647 € 301,373 € 341,334 € 418,416 € 524,276 € 637,196 €
5 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 5 207,331 € 279,481 € 323,162 € 408,246 € 525,073 € 659,310 €
6 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 6 183,791 € 258,771 € 307,352 € 399,349 € 525,669 € 679,452 €
7 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 7 165,582 € 243,962 € 291,667 € 392,301 € 531,964 € 704,045 €
8 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 8 150,076 € 224,664 € 278,033 € 385,464 € 533,872 € 727,413 €
9 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 9 129,229 € 210,276 € 263,419 € 373,029 € 539,286 € 749,087 €
10 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 10 110,296 € 194,103 € 249,518 € 370,048 € 541,119 € 769,810 €
11 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 11 88,871 € 177,394 € 235,482 € 360,961 € 545,677 € 788,815 €
12 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 12 70,824 € 161,823 € 223,946 € 353,022 € 550,692 € 814,740 €
13 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 13 54,129 € 142,140 € 209,214 € 342,917 € 557,772 € 838,568 €
14 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 14 35,756 € 124,852 € 194,254 € 332,536 € 564,151 € 866,755 €
15 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 15 17,293 € 109,467 € 180,765 € 326,450 € 568,755 € 896,142 €
16 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 16 0 € 93,647 € 165,745 € 316,288 € 575,421 € 932,857 €
17 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 17 0 € 77,683 € 150,169 € 310,946 € 578,552 € 962,298 €
18 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 18 0 € 59,567 € 133,130 € 301,655 € 580,816 € 1,004,322 €
19 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 19 0 € 40,060 € 119,882 € 293,747 € 583,989 € 1,029,666 €
20 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 20 0 € 22,953 € 101,336 € 287,036 € 594,980 € 1,063,453 €
21 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 21 0 € 1,653 € 83,824 € 277,251 € 596,482 € 1,096,119 €
22 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 22 0 € 0 € 68,165 € 265,782 € 609,786 € 1,146,646 €
23 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 23 0 € 0 € 51,679 € 258,644 € 618,239 € 1,178,145 €
24 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 24 0 € 0 € 33,740 € 246,055 € 619,642 € 1,221,382 €
25 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 25 0 € 0 € 15,161 € 235,854 € 631,729 € 1,270,552 €
26 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 26 0 € 0 € 0 € 223,606 € 636,129 € 1,307,003 €
27 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 27 0 € 0 € 0 € 212,775 € 644,198 € 1,356,424 €
28 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 28 0 € 0 € 0 € 198,413 € 643,457 € 1,398,899 €
29 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 29 0 € 0 € 0 € 185,583 € 647,600 € 1,454,703 €
30 markus 10/09/2026 07:29 PM markus 10/09/2026 07:29 PM 30 0 € 0 € 0 € 175,251 € 648,888 € 1,501,220 €
So lesen Sie die Tabelle: Beispiel 25. Perzentil. 25 Prozent der Depotwerte waren schlechter. In 75 Prozent der Fälle waren sie höher.

Das Pleiterisiko steigt mit zunehmender Laufzeit

Wie zu erkennen ist, wäre das Geld in zehn Prozent der Fälle bereits nach 26 Jahren oder noch früher aufgebraucht gewesen. In 75 Prozent der Fälle bleiben am Ende nach Abzug der Inflation real noch mindestens 174.000 Euro übrig. Läuft es extrem gut, können Sie ihren Erben real noch knapp 1,5 Millionen Euro oder mehr hinterlassen. Die Wahrscheinlichkeit dafür beträgt aber nur 25 Prozent.

Das Pleiterisiko ist bei einer konstanten realen Depotentnahme von entscheidender Bedeutung. Es ist umso höher, je größer die Auszahlung im Verhältnis zum Anfangskapital ist. Der folgende Chart zeigt das jeweilige Pleiterisiko in Abhängigkeit von der Höhe der jährlichen Entnahme.

Entnahmestrategie: Bei konstanten Auszahlungen steigt mit deren Höhe das Pleiterisiko
Das Risiko, dass das Geld nicht bis zum Ende der geplanten Entnahmephase reicht, nimmt mit steigender Laufzeit zu. In diesem Beispiel beträgt die Wahrscheinlichkeit für eine vorzeitige Pleite rund 15 Prozent – aber eben erst im 30. Jahr des ETF-Entnahmeplans. Im 20. Jahr beträgt das Pleiterisiko nur gut 3,5 Prozent.
Entnahmestrategien mit konstanter jährlicher Auszahlung: Das Pleiterisiko steigt mit der Laufzeit des Entnahmeplans

Entnahmestrategie: So senken Sie das Pleiterisiko

Mit welchem Pleiterisiko Sie leben können, ist eine individuelle Entscheidung. Manche Fachleute halten 10 Prozent für vertretbar; Ihnen ist das aber möglicherweise noch zu viel. Grundsätzlich gibt es verschiedene Stellschrauben, mit denen Sie das Pleiterisiko senken können:

Verbessern Sie die Diversifikation Ihres ETF-Portfolios, um die Wertschwankungen zu senken. In meinen Simulationen lässt sich das Pleiterisiko durch eine breitere Diversifikation mit Gold und Rohstoffen auf unter 5 Prozent senken. Mehr zur Diversifikation mit Rohstoffen lesen Sie in dem Reserach-Paper „Wie Commodities das Risiko senken und die Rendite erhöhen“.  

Auch eine Senkung der Entnahmen, beispielsweise von real 20.000 auf 15.000 Euro, mindert das Pleiterisiko. Sie können die realen Auszahlungen auch sukzessive senken, indem Sie die Inflation einfach außenvorlassen und einen gleichbleibenden nominalen Betrag entnehmen. In unserer Beispielsimulation sinkt das Pleiterisiko von 15 auf etwa 4,6 Prozent, wenn die Auszahlungen nicht mit der Inflation steigen und nominal 20.000 Euro pro Jahr entnommen werden.

Das Pleiterisiko lässt sich auch reduzieren, indem man länger arbeitet und dadurch die Auszahlungsphase verkürzt. Oder Sie sparen mehr, um das Vermögen, das für den ETF-Entnahmeplan zur Verfügung steht, zu erhöhen.

Tipp: An der letztgenannten Stellschraube können Sie nicht mehr drehen, wenn Sie sich erst kurz vor dem Renteneintritt mit der Frage befassen, wie lange Ihr Vermögen reicht. Machen Sie sich dagegen mit 45 oder 50 Jahren schon einen Plan, haben Sie genügend Zeit, auf Schwachstellen nach Ihrem Gusto zu reagieren.

Markus Neumann Neumann Honorarberatung

„Die Entwicklung von Entnahmestrategien mit für den Ruhestand optimierten Portfolios ist einer meiner Beratungsschwerpunkte. Auf Basis von Monte-Carlo-Simulationen erhalten meine Kunden ein realistisches Bild davon, welchen Lebensstandard Sie sich im Alter leisten können.“

Entnahmestrategie 2: Variable Auszahlungen

Die Gefahr, dass das Depot vorzeitig leergeräumt ist, lässt sich praktisch eliminieren, wenn Sie eine Entnahmestrategie mit prozentualen Auszahlungen wählen, beispielsweise 4 oder 6 Prozent pro Jahr des jeweils noch vorhandenen Vermögens. Der Preis dafür sind Schwankungen bei der Höhe der Entnahmen. Laufen die Börsen gut, sind die Auszahlungen höher, nach einem Crash dagegen niedriger.

Tendenziell nimmt die Höhe der realen Auszahlungen bei dieser Entnahmestrategie mit zunehmender Laufzeit ab. Das ist nur dann nicht der Fall, falls die Entnahmerate zuzüglich der Inflation häufig unter der realisierten Rendite des ETF-Portfolios liegt, Sie sich also weniger auszahlen als Sie einnehmen. Je höher die gewählte Auszahlungsrate, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die realen Entnahmen im Zeitverlauf selbst dann immer weiter sinken, wenn die Börsen gut laufen.

Grundsätzlich können bei dieser Entnahmestrategie die Auszahlung auf ein so niedriges Niveau sinken, dass sie für den Lebensunterhalt kaum noch relevant sind.

Die folgende Grafik zeigt eine Monte-Carlo-Simulation der realen Auszahlungsverläufe für unser Beispiel-Portfolio. Die jährliche Entnahmerate beträgt 4 Prozent des jeweils am Jahresanfang vorhandenen Kapitals.

Entnahmestrategie mit variablen Auszahlungen von 4 Prozent des jewweils am Jahresende vorhandenen Kapitals

Anfangs mehr Kapital entnehmen – und die Folgen

Bei einer prozentualen Entnahmerate bleibt rechnerisch am Ende immer etwas vom Vermögen übrig. In dem obigen Simulationsbeispiel haben Sie nach 30 Jahren Ihr nominales Vermögen im Mittel (Median-Vermögen) auf eine Million Euro verdoppelt. Das hat den Vorteil, dass Sie flüssig bleiben, falls Sie länger leben als erwartet.

Sie können anfangs mehr Kapital verbrauchen, indem Sie die Entnahmerate erhöhen. Das führt aber zu einer möglicherweise unerwünschten Nebenwirkung: Die Differenzen zwischen den jährlichen Auszahlungen nehmen deutlich zu, wie sich an der nächsten Grafik ablesen lässt.

Sie zeigt noch einmal das vorhergehende Simulationsbeispiel. Nur jetzt beträgt die Entnahmerate 8 Prozent. Am Anfang der Entnahmephase sind die Auszahlungen hoch und sinken von Jahr zu Jahr deutlich ab. Im Mittel, dem 50. Perzentil, beträgt die Auszahlung anfangs real 42.750 Euro und am Ende mit 14.000 Euro nur noch ein Drittel davon.

Entnahmestrategie: Simulation der jährlichen realen Auszahlungen bei einer Entnahmerate von 8 Prozent des jeweils am Jahresanfang vorhandenen Kapitals

Die Portfolio-Endwerte sind bei einer höheren Entnahmerate deutlich niedriger.  Mit nominal knapp 300.000 liegt der Median-Depotwert weit unter dem simulierten Ergebnis bei einer Entnahmerate von 4 Prozent.

Hinzu kommt: Bei einer guten Börsenentwicklung führt in meinen Simulationen die Entnahme von 8 Prozent jährlich nicht dazu, dass insgesamt mehr Geld über 30 Jahre ausgezahlt wird im Vergleich zu einer Entnahmerate von nur 4 Prozent pro Jahr. Gleichzeitig ist das Endvermögen bei der 4-Prozent-Variante deutlich höher. Das liegt daran, dass bei anfangs hohen Entnahmen weniger Vermögen vorhanden ist, dass von starken Kursentwicklungen profitieren kann.

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Entnahmestrategie 3: Vollständiger Vermögensverbrauch

Falls Sie nichts vererben und Ihr Vermögen vollständig verbrauchen wollen, kommen zwei weitere Entnahmestrategien infrage.

Variante 1: Teilen Sie vor jeder Auszahlung das vorhandene Vermögen durch die Anzahl der verbleibenden Entnahmeperioden. Beispiel: Machen Sie monatliche Entnahmen und die Restlaufzeit beträgt noch zehn Jahre, dividieren Sie das vorhandene Vermögen durch 120, zu Beginn des nächsten Monats durch 119 und immer so weiter.

Bei einer solchen Entnahmestrategie steigen die prozentualen Auszahlungen bis auf 100 Prozent an. Die Entnahmen sind tendenziell zu Beginn niedriger und nehmen im Zeitverlauf bei einer durchschnittlichen Börsenentwicklung zu.

Eine Spielart dieses Modells ist das Lebenserwartungskonzept. Dabei teilen Sie das jeweils vorhandene Vermögen nicht durch die verbliebene Anzahl der Entnahmeperioden, sondern durch Ihre Lebenserwartung. Da diese der US-amerikanischen Finanzbehörde IRS zufolge erst jenseits der 111 Jahre auf 1 Jahr sinkt, bleibt bei dieser Strategie wieder etwas vom Vermögen übrig. Ihre persönliche Lebenserwartung können Sie beispielsweise mit einem Rechner des Deutschen Instituts für Altersvorsorge kalkulieren.

Die folgende Grafik zeigt eine Simulation der möglichen realen Auszahlungen pro Jahr wieder für die von mir oben getroffenen Annahmen. Bei diesem Konzept sind die Auszahlungen im zweiten Drittel der Entnahmephase am höchsten und am Anfang und am Ende relativ niedrig.

Entnahmestrategien nach dem Lebenserwartungskonzept verbrauchen das Vermögen nahezu vollständig

Auszahlbeträge mit Annuitäten kalkulieren

Variante 2: Bei diesem Konzept sind die Entnahmen am Anfang hoch und nehmen im Zeitverlauf immer weiter ab. Sie werden als sogenannte Annuität berechnet. Das ist die Summe, die Sie bei einer gleichbleibenden Verzinsung des Vermögens in allen Perioden entnehmen könnten. Die Annuität wird vor jeder Auszahlung mit dem dann noch vorhandenen Vermögen neu berechnet. Dafür können Sie einen der vielen Rechner im Internet bemühen. Als Kalkulationszins sollte eine vorsichtige Schätzung der künftig erwarteten Portfoliorendite verwendet werden.

Die grundsätzlich berechtigte Annahme einer Verzinsung führt zu höheren Entnahmen zu Beginn des Auszahlplans im Vergleich zu Variante 1. Die Schwankungen der Entnahmehöhe können Sie glätten, indem Sie als Obergrenze einen Höchstbetrag einziehen, der maximal ausgezahlt werden darf.  Das hat allerdings zur Folge, dass das Vermögen nicht ganz verbraucht wird. Der Finanzprofessor Martin Weber schlägt 6 bis 8 Prozent des Anfangskapitals als Obergrenze vor. Simulationen zu dieser Strategie enthält sein Buch „Die genial einfache Vermögensstrategie“. Zur Buchrezension

Entnahmestrategie 4: Konstante Auszahlung ohne Risiko

Bisher bin ich bei allen Berechnungen von einem 70-30-Portfolio aus einem Aktien-ETF und einem Anleihen-ETF ausgegangen. Alternativ könnten Sie Ihr Vermögen aber auch anlegen, ohne dass es Kursschwankungen am Kapitalmarkt ausgesetzt ist. Das ist beispielsweise mit Fest- und Tagesgeld möglich.

Wenn Sie einen konstanten Zins und eine konstante Inflationsrate für die nächsten 30 Jahren unterstellen, können Sie berechnen, wie viel Sie sich jedes Jahr real aus ihrem Vermögen auszahlen können. Die realen Auszahlungen bleiben über die Jahre gleich, es gibt keine Schwankungen beim Konsum und kein Pleiterisiko. Soweit die Darstellung auf manchen Internetseiten und in manchen Büchern.

Tatsächlich ist die Realität aber unsicher. Annahmen über langfristig konstante Zinsen und Teuerungsraten gehen an der Wirklichkeit vorbei. Die Höhe der Zinsen schwankt und die Höhe der Inflation ebenfalls. Es gibt keine Finanzinstrumente, die Ihnen über 20, 25 oder 30 Jahre eine konstante reale Verzinsung garantieren.

Schwankungen von Inflation und Zinsen machen auch Bankeinlagen unsicher

Zwar schwanken Inflation und Zinsen nicht so stark wie die Aktienmärkte. Dennoch kann man meiner Ansicht nach nicht von einer risikolosen Entnahmestrategie sprechen, wenn das Kapital als Bankeinlage gehalten wird. Denn die Schwankungen von Zinsen und Inflation führen auch zu Schwankungen beim Konsum.

Beispiel 2021 und 2022. Damals schnellte die Inflationsrate in Deutschland erst auf 5 Prozent und dann auf 8 Prozent nach oben. Der Zins auf dem Geldmarkt, an dem sich Anbieter von Tages- und Festgeld orientieren, war in diesen beiden Jahren negativ. Der Realzins betrug demnach mehr als minus 5 und minus 8 Prozent.

Wer damals seine Entnahmestrategie allein auf „sichere“ Bankeinlagen stützte, musste spürbare Einbußen hinnehmen. Zwar gab es nominal keine Verluste. Doch die Kaufkraft war um mehr als 13 Prozent gesunken und damit auch der Lebensstandard.

Insofern spielt auch bei nominal sicheren Anlagen die zeitliche Abfolge der Realrenditen für einen Entnahmeplan eine Rolle, die Sie nicht unterschätzen sollten. Hinzu kommt: Durch den Verzicht auf Aktien entgeht Ihnen die Chance, auf einen höheren Lebensstandard.

Da sichere Anlagen auf lange Sicht nicht sicher sind, empfiehlt die Neumann Honorarberatung auch sehr ängstlichen Anlegern einen kleinen Teil ihres Geldes in riskantere Anlagen mit höheren Renditechancen zu investieren. Auf diese Weise nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass zumindest die Kaufkraft über die Zeit erhalten bleibt und der Lebensstandard nicht sinkt.

Die praktische Umsetzung von Entnahmestrategien

Entnahmestrategien in der Praxis umzusetzen ist relativ einfach, wenn Sie wissen, wie viel Geld Sie sich aus Ihrem Portfolio auszahlen wollen. Verkaufen Sie immer Anteile der ETFs aus Ihrem Portfolio zuerst, die besser gelaufen sind als die anderen. Auf diese Weise halten Sie die gewählte Portfolio-Gewichtung in der Balance.

Während Börsencrashs sollten Sie aber auch die Spreads, die Differenzen zwischen Kauf- und Verkaufspreis, im Auge behalten. Während der Coronakrise weiteten sich beispielsweise die Spreads von Anleihen-ETFs gewaltig aus, weil der Handel mit diesen Wertpapieren gestört war. In solchen Phasen sollten Sie nur ETFs verkaufen, bei denen sich die Spreads in der normalen Bandbreite bewegen.

Bei jeder Entnahme aus Ihrem Portfolio kassiert die Depotbank ein Entgelt für die Vermittlung des Auftrages an die jeweilige Börse. Bei monatlichen Auszahlungen ist es deswegen besonders wichtig einen günstigen Onlinebroker zu wählen. Für das Pleiterisiko und den Portfolio-Endstand macht es übrigens keinen signifikanten Unterschied, ob Sie sich monatlich oder jährlich den geplanten Betrag auszahlen.

Welche Entnahmestrategie ist die beste?

Einen Königsweg für einen ETF-Entnahmeplan gibt es nicht. Wählen Sie die Strategie, die Ihren Präferenzen am nächsten kommt. Sie können die Entnahmestrategie auch jederzeit ändern, etwa die Auszahlungen senken oder erhöhen oder von einer konstanten Entnahme auf eine prozentuale umsteigen, falls Sie plötzlich die Angst vor einer frühzeitigen Pleite befällt. Nach einem Börsencrash kann es beispielsweise sinnvoll sein, weniger aus dem Depot zu entnehmen, um die langfristigen Folgen abzumildern.

Grundsätzlich sind die Auszahlungen, die Ihnen im Schnitt monatlich zur Verfügung stehen, bei den Entnahmestrategien am höchsten, die darauf ausgerichtet sind, das Vermögen vollständig oder nahezu vollständig zu verbrauchen.

Wo Sie im Laufe der Jahre mit Ihrer Entnahmestrategie stehen und wie Sie sie am besten anpassen, können Sie an den Ergebnissen der Monte-Carlo-Simulationen ablesen, die die Neumann Honorarberatung für Sie berechnet.

Falls auch Sie Entnahmestrategien mit Ihrem persönlichen Portfolio simulieren lassen möchten, um sich ein realistisches Bild von Ihrer finanziellen Zukunft zu machen, vereinbaren Sie ein kostenloses Vorgespräch.

© Neumann Honorarberatung, 31.08.2026
Fotografie:
Quellen:
Eigene Recherchen und Berechnungen
Martin Weber u. a.: Die genial einfache Vermögensstrategie, Campus 2020.

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