Mit Hilfe der 4-Prozent-Regel lässt sich angeblich überschlagen, wie viel Geld Anleger 30 Jahre lang aus einem Wertpapier-Portfolio entnehmen können, ohne dass ihnen das Kapital ausgeht. Zweifel an der Verlässlichkeit dieser Daumenregel sind angebracht.
Die 4-Prozent-Regel ist eine Faustregel, die häufig bei der Finanzplanung für den Ruhestand verwendet wird. Sie soll helfen, die Höhe der jährlichen Entnahmen aus einem Wertpapierportfolio zu bestimmen. Dabei soll das Vermögen für regelmäßige Auszahlungen über 30 Jahre reichen.
Die Methode zielt darauf ab, ein konstantes, inflationsbereinigtes Einkommen über die Jahre zu gewährleisten. Zugleich soll das Risiko minimiert werden, dass das Vermögen vorzeitig verzehrt wird.
Wie viel Sie sich nach der 4-Prozent-Regel auszahlen können
Nach der 4-Prozent-Regel kann ein Rentner jährlich 4 Prozent seines Anfangskapitals aus dem Portfolio entnehmen. In den folgenden Jahren passt er die Entnahmebeträge an die Inflation an, um den Kaufkraftverlust auszugleichen.
Hat das Portfolio zu Beginn des Ruhestands ein Volumen von einer Million Euro, können nach dieser Regel im ersten Jahr 40.000 Euro entnommen werden. Wenn die Inflation im ersten Jahr 2 Prozent betrug, würde die Entnahme im zweiten Jahr auf 40.800 Euro angepasst.
Finanzberater William Bengen etablierte die 4-Prozent-Regel
Die 4-Prozent-Regel basiert auf Berechnungen aus den 1990er-Jahren, insbesondere auf der Arbeit von William Bengen. Bengen ist ein amerikanischer Finanzberater, der seine einflussreiche Studie erstmals im Jahr 1994 in einem Artikel für das „Journal of Financial Planning“ veröffentlichte.
Seine Analyse basiert auf historischen Daten zu Aktien- und Anleihenrenditen in den USA von 1926 bis 1992. Sie zielt darauf ab, eine nachhaltige Entnahmerate für Ruhestandsportfolios über einen Zeitraum von 30 Jahren zu bestimmen, ohne das Risiko einer vorzeitigen Pleite einzugehen. Die 4-Prozent-Regel wird auch Bengen-Regel (Bengen rule) genannt. Der Finanzberater selbst taufte die Daumenregel Safemax-Rate.
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4-Prozent-Regel setzt eine Aktienquote zwischen 50 und 75 Prozent voraus
Bengen testete Portfolios mit einer Aktienquote zwischen 0 und 100 Prozent. Der jeweilige Rest war in amerikanischen Staatsanleihen mit mittlerer Laufzeit angelegt. Eine wichtige Erkenntnis der Studie: Die 4-Prozent-Regel lässt sich nur halten, wenn der Aktienanteil des Startportfolios nicht weniger als 50 und nicht mehr als 75 Prozent beträgt.
Laut Bengens Untersuchung ist die inflationsangepasste Entnahmerate von 4 Prozent des Anfangskapitals auch dann sicher, wenn der Auszahlplan zu einem ungünstigen Zeitpunkt startet, nämlich dann, wenn die Aktienmärkte fallen.
Bengens Forschung hat in der Finanzwelt viel Beachtung gefunden. Sie gilt als wichtiger Beitrag zur Ruhestandsplanung. Anleger sollten jedoch beachten, dass die 4-Prozent-Regel lediglich auf historischen Daten des amerikanischen Aktien- und Anleihenmärktes basiert. Diese Daten lassen sich nicht unbedingt in die Zukunft fortschreiben und auf europäische Anleger übertragen. Deswegen ist die Bengen-Regel kein verlässlicher Anhaltspunkt für Anleger.
Künftige Gültigkeit der 4-Prozent-Regel ungewiss
Sie berücksichtigt keine individuellen Lebensumstände oder die Tatsache, dass zukünftige Marktbedingungen von den historischen abweichen. Zudem diskutieren Fachleute, ob die 4-Prozent-Regel in einem Umfeld niedriger Zinsen und möglicherweise niedrigerer zukünftiger Aktienrenditen noch angemessen ist.
Finanzexperten empfehlen oft eine flexible Herangehensweise an Entnahmepläne im Ruhestand. Sie sollten regelmäßig überprüft und angepasst werden, um auf Veränderungen in den persönlichen Verhältnissen, den Marktbedingungen und den Inflationsraten zu reagieren.
Trinity-Studie stützt 4-Prozent-Regel
1998 führten Forscher der amerikanischen Trinity-Universität die Untersuchung von Bengen weiter. In der sogenannten Trinity-Studie („Retirement Savings: Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable“) bestätigten sie weitgehend Bengens Erkenntnisse und erweiterten sie, indem sie sich auch mit längeren Ruhestandszeiträumen befassten.
Die Autoren der Studie kamen zu dem Schluss, dass eine anfängliche 4-Prozent-Entnahmerate, jährlich angepasst um die Inflation, in den meisten Fällen über einen Zeitraum von 30 Jahren nachhaltig wäre, insbesondere bei Portfolios mit einem hohen Anteil an Aktien.
Hoher Aktienanteil senkt Pleiterisiko
Die Trinity-Studie zeigt, dass die Nachhaltigkeit der Entnahmeraten vor allem von der Portfoliozusammensetzung abhängt. Portfolios mit einem höheren Anteil an Aktien hatten tendenziell eine höhere Wahrscheinlichkeit, bis zum Ende des geplanten Zeitraumes zu überleben. Das wiederum war auf die höheren erwarteten Renditen von Aktien im Vergleich zu Anleihen zurückzuführen. Das allerdings hatte auch Bengen schon gezeigt.
Die Ergebnisse der Trinity-Studie haben die 4-Prozent-Regel in den Augen vieler Anlageberater und Anleger weiter untermauert. Sie trug dazu bei, die Regel als nützliche Daumenregel für die Ruhestandsplanung zu etablieren.
Neue Studien stellen 4-Prozent-Regel infrage
Dennoch stellt sich die Frage, inwieweit Bengens Daumenregel heute noch Gültigkeit hat. Zwischen 1920 und 1990 waren die Aktien- und Anleihenrenditen in den USA ähnlich hoch wie am Weltkapitalmarkt, wo gut diversifizierte deutsche Anleger investieren. Insofern konnte der Untersuchung eine gewisse Allgemeingültigkeit zugesprochen werden.
Doch in der Zeit von 1900 bis 2024 war der von Bengen analysierte Ausschnitt eine Phase mit überdurchschnittlich hohen Renditen. Für US-Aktien betrug der jährliche Ertrag 10,3 Prozent, der von US-Staatsanleihen mit mittlerer Laufzeit 5,2 Prozent.
Zum Vergleich: ETF auf den MSCI World warfen seit 1970 nach Kosten etwa 7,3 Prozent pro Jahr ab. Deutsche Staatsanleihen mit mittlerer Laufzeit werden in den kommenden Jahren im Schnitt kaum mehr als 2,5 Prozent einbringen, während die Inflationsrate möglichweise für längere Zeit über dem EZB-Ziel von 2 Prozent liegen wird.
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Anleger sollten mit deutlich weniger als 4 Prozent rechnen
Deswegen sollte man aus der Perspektive eines deutschen Anlegers, der global investiert, heute davon ausgehen, dass die sichere Entnahmerate für einen Zeitraum von 30 Jahren deutlich unter 4 Prozent des Anfangskapitals liegen wird. Anleger können mit einer Entnahmerate von etwa 3 Prozent rechnen, wenn das Depot mindestens zur Hälfte aus einem global diversifizierten Aktienportfolio besteht. So viel Risiko will allerdings nicht jeder eingehen. Wie Sie die passende Aktienquote finden, beschreibt der Ratgeber „Asset Allocation“.
Eine Studie aus dem Jahr 2023 sieht die Zukunft noch düsterer. Danach führen Analysen, die sich allein auf amerikanische Kapitalmarktdaten stützen, zu überoptimistischen Ergebnissen. Grund ist der überragende Erfolg des US-Aktienmarktes im Vergleich zu anderen Ländern.
Die Wissenschaftler bezogen deswegen die Kapitalmarktdaten aus mehr als 30 weiteren Ländern in ihre Untersuchung ein. Auf dieser Grundlage lieferten ihre Simulationen für ein klassisches Portfolio aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen eine langfristige Entnahmerate von lediglich 2,26 Prozent bei einer Erfolgswahrscheinlichkeit von 95 Prozent. Mit anderen Worten: Selbst bei einer derart zurückhaltenden Entnahmerate beträgt das Risiko immer noch 5 Prozent, das vorzeitig das Kapital ausgeht.
Hinzu kommt: Die Studie berücksichtigt nicht, dass die realen Anleihenrenditen aller Voraussicht nach in den nächsten Jahren niedriger ausfallen werden. Die weitgehend sichere Auszahlrate könnte demnach noch niedriger sein als in der Studie angegeben.
Meine Empfehlungen zur 4-Prozent-Regel
Welche Entnahmen im Einzelfall wirklich realistisch sind, lässt sich seriös mit individuellen Monte-Carlo-Simulationen beantworten. Sie zeigen wie hoch unter den getroffenen Annahmen die Wahrscheinlichkeit ist, dass Sie sich aus Ihrem Portfolio einen bestimmten monatlichen Betrag bis zum voraussichtlichen Lebensende auszahlen können.
Im Gegensatz zu den unsinnigen Auszahlplanrechnern im Internet berücksichtigen Simulationen das sogenannte Renditereihenfolgerisiko, das aus der ungewissen Kursentwicklung an den Kapitalmärkten resultiert.
Allerdings müssen Anleger für die Simulation eines ETF-Entnahmeplanes wissen, wie groß ihr Vermögen beim Eintritt in den Ruhestand sein wird. Und auch das lässt sich nur realistisch ermitteln, wenn man Simulationen nutzt, die die Renditeschwankungen an den Kapitalmärkten berücksichtigen.
© Neumann Honorarberatung, 04.07.2026
Fotografie: Felix Russell-Saw/Unsplash
Quellen:
Eigene Recherchen
Aizhan Anarkulova, Scott Cederburg, Michael S. O’Doherty, Richard Sias: The Safe Withdrawal Rate: Evidence from a Broad Sample of Developed Markets, Working Paper 2023
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